Von einer, die auszog, den M-Beutel zu finden

Das Leben schreibt die besten Geschichten.

Eine Bestellung aus der Schweiz, was für eine Freude! Und dann auch noch gleich 5 (in Worten FÜNF) Exemplare des außergewöhnlichsten Buches, das der Lyrika Verlag bisher veröffentlicht hat! Ein Buch mit dem Sammler-Potenzial in sich, quasi dem Raritäten-Status!

Ein gewichtiges Buch ist es mit seinen knapp 600g! Fünf davon plus ein paar kleine Infobeilagen und es kommen 3200g zusammen, also locker über 3 Kilo. Nun heißt es recherchieren: wie verschickt man solch eine gewichtige Sendung in das europäische Ausland? Und zwar kostenschonend, wenn möglich. In der Broschüre, herausgegeben von der Post, ist nachzulesen, wie teuer es werden kann. Aber es gibt den Hinweis: Wenn Sie einen M-Beutel verwenden, wird nach angefangenen Kilogramms abgerechnet, was in diesem Fall 16 Euro ergäbe. Meine kleine Postfiliale im Dorf hat noch nie von einem M-Beutel gehört, es wird verzweifelt mit den Schultern gezuckt und man will sich erkundigen, aha.

Nun gibt es aber, kundenfreundlich wie die Post ist, eine Servicenummer, die man anrufen kann, wenn man Sorgen und Kümmernisse hat. Also rufe ich an. Ein äußerst freundlicher Mensch hört sich mein Anliegen an, rät mir ab von Einzelsendungen – „Das wird ja noch viel teurer, gute Frau!“ – und weist mich auf den M-Beutel hin, der zwar aus Plastik sei, aber im Jute-Muster bedruckt. „Wenn Sie einen M-Beutel verwenden, wird jedes angefangene Kilo mit 4 Euro berechnet in Economy-Tarif“. „Prima“, sage ich, „wo bekomme ich denn den M-Beutel?“ „Nicht bei uns, den kriegen Sie in jedem Baumarkt, gute Frau“. Der gute Mann ahnt nicht, wie froh er sein kann, für mich unerreichbar im Irgendwo zu sitzen, denn ich hasse nichts so sehr und aus tiefstem Herzen wie die Anrede „gute Frau“.

Also gut, fröhlich das Auto aus dem Carport und ab geht es, 20 km in die nächste Stadt zum Baumarkt. Die netten Damen am Infotresen schauen mich an, als sei ich von einem fremden Stern. „Was möchten Sie? Einen Müllbeutel?“ „Nein! Ich suche den M-Beutel, er soll bei Ihnen zu erwerben sein“ strahle ich noch zuversichtlich die beiden Damen an. Welch ein Schauspiel – völlige Verunsicherung greift um sich, nachgefragt wird, wofür denn dieser ominöse Beutel gut sein soll, ob ich nicht doch vielleicht einen Mehrzwecksack suche? Nein. Ich beharre darauf, was mir von einem Postbeamten am Telefon gesagt wurde und muss ohne M-Beutel den Baumarkt verlassen. Nun gut, dann also zur großen Post mitten in der Stadt, dort sind viele Postfachleute und einer von denen wird ihn haben, den M-Beutel. Mit meinen schwerwiegenden fünf Büchern unter dem Arm stehe ich kurz darauf vor dem Postschalter und schaue voller Hoffnung auf den netten Mann dahinter. „Guten Tag, ich würde gerne diese fünf Bücher in die Schweiz verschicken und dafür einen M-Beutel nutzen, denn so verpackt wird ja nach Kilos abgerechnet, nicht wahr?“ Mir wird freundlich zugenickt und die Frage gestellt, wo ich denn meinen M-Beutel hätte…

„Ja wieso, ich habe keinen! Im Baumarkt kannte den niemand und ich habe gehofft, ihn hier kaufen zu können“. „Gute Frau“, – da ist sie wieder, diese Anrede, die ich aus tiefstem Herzen verabscheue,

„den Beutel stellen die Firmen selbst! Sowas hat die Post nicht“.

Ich bin sprachlos und frage zaghaft, warum er denn dann in der Post-Infobroschüre extra genannt wird. Ein zweiter Postfachmann hat sich hinzu gesellt und nickt mitleidig, als er mir erklärt, dass diese Versendungsform ja eh niemand mehr nutzt, es sei denn, es ist eine große Firma, die eben ihre M-Beutel habe. „Aber wenn Firmen diese seltsamen Beutel haben, muss man sie doch kaufen können?!“ stelle ich entnervt fest. „Schon, aber nicht hier und im Baumarkt wohl auch nicht“, ist die lapidare Antwort.

Der Kollege, der seit Anfang an am Schalter stand, wiegt derweil meine Bücher aus, bildete diverse Haufen, um herauszufinden, ob es Sinn macht, die Sendung in mehrere einzelne zu unterteilen und mir dann kund zu tun, dass nichts preiswerter wird, als es als Paket zu verschicken. „Mit 30 Euro sind Sie dabei, gute Frau, es ist nun mal europäisches Ausland“.

Mein Innerstes vibriert, aus mehreren Gründen…! Gut, ich bin ja geduldig. Berichte von einer Buchbestellung aus Österreich, die sehr viel Porto kostete, dort aber nie ankam, weswegen ich dann eine zweite Sendung per Einschreiben (man stelle sich mal vor: OHNE Einschreiben sind die Pakete nicht verfolgbar) auf den Weg schickte, die dann auch brav das Ziel erreichte. Wiederum wird mit mitfühlend, aber schulterzuckend zugenickt. „Sie nicken?“ frage ich. „Heißt das, mit sowas muss man rechnen?“ Das Nicken verstärkt sich und ich habe genug, klemme mir meine fünf prachtvollen, in jeder Hinsicht gewichtigen Bücher wieder unter den Arm und fahre nach Hause. Nochmals fast 20 km. Um dann daheim in Ruhe ein rundum perfekt verklebtes Paket zu schnüren und für 29,99 Euro in die Schweiz zu schicken.

Seit heute Nachmittag forsche ich in mir nach der Lehre dieses Tages. Was will mir das Leben nun damit sagen?  „Trau, schau wem?“ Oder „Mit Schwund muss man rechnen“? Vielleicht ist die Lektion auch eine viel einfachere, nämlich: M-Beutel sind nicht aufzufinden, obwohl von der Post extra erwähnt?

Gut, das Buchpaket ist unterwegs, ich hatte den Nachmittag über wenigstens keine Langeweile und eines habe dazu gelernt: ein neues Wort für „gibt´s ja gar nicht“ – und das heißt M-Beutel!

PS: All dies ist heute Nachmittag, am 28.09.2015, genau so geschehen. Mein Mann ist Zeuge, er war dabei. Allerdings hat er schneller als ich die Nerven verloren, was ich ihm nicht einmal übel nehmen kann, ehrlich gesagt. Und er hat mir angedroht, wenn ich jemals wieder von diesem M-Beutel spreche, setzt er sich lieber selbst ins Auto und verbindet die Lieferung in die Schweiz mit einem kleinen Urlaub…

In diesem Sinne!

Zwinkernde Grüße,  Petra