Archiv für den Monat März 2018

Lebenszeit und Lebensuhren

Seit Jahren lebt man auf einem Grundstück, beinahe sogar unter einem Dach. Man kennt sich, weiß ein wenig voneinander, kennt die Gewohnheiten der anderen, hat teilweise eine Vorstellung davon, was die anderen für Päckchen durchs Leben tragen.

Das ist viel – viel mehr, als andernorts so manch andere von sich behaupten können.

Nicht nur Guten Tag – Guten Weg. Nicht nur dieses unwahrhaftige, floskelartige „Wie geht es dir?“, sondern wirkliches Interesse. Nein, dies ist kein Beispiel aus einem dieser anonymen Hochhäuser, in denen man niemanden kennt, der Wand an Wand lebt. Dies meint gelebtes Miteinander.

Doch wie weit geht es, dieses Miteinander… Ist da kein wirkliches Vertrauen? Hat man, wenn es dramatisch wird, trotzdem diese Maske auf, die verhindert, dass andere „zu viel“ mitbekommen? Steht da die letzte Hürde, die nie genommen wurde, einem Hilferuf im Wege, wenn doch nur dieser Ruf noch bliebe?

Da kann man noch so sehr aufeinander Acht geben, es geschieht trotzdem – dieses Horrorszenario, dass der Tod unbemerkt Einkehr hält. Nur ein paar Tage hatte er dafür, sie reichten. Und dann steht man fassungslos vor vollendeten Tatsachen, fragt sich unzählige Male: Warum hat er sich nicht gemeldet, als es ihm schlecht ging? Wenn die Kraft nicht reichte, warum keine SMS, kein Wort über Whatsapp…

Nein, es war keine „Facebook-Freundschaft“, es war reale Nachbarschaft. Man hat sich in die Augen gesehen beim Reden, hat sich seit Jahren gekannt, hat sich gefoppt, gekabbelt, Sorgen anvertraut – und dann steht man da, erschüttert und im tiefsten Inneren verunsichert, aus der Bahn geworfen.

Man gab doch Acht aufeinander. Hat sich wert geschätzt…

Und stellt nun fest, dass es Grenzen gibt, die unsichtbar und unüberwindlich sind. Dass die Lebensuhren eigenen Rhythmen folgen, vom Meister vorinstallierte Zeitpunkte beinhalten, an denen sie zum Stillstand kommen. Dass alle Achtsamkeit nichts nutzt, wenn das Lebens-Werk seine Aufgabe erfüllt hat und das Pendel leise ausklingt.

Und dann bevölkern plötzlich Menschen das Grundstück, für deren Existenz man unendlich dankbar sein kann, die man aber trotzdem nicht hätte kennen lernen müssen – nicht alle heute, nicht an diesem Tag, an dem man eine weitere Lektion zu lernen erhielt, die da heißt:

Alle Achtsamkeit verstummt vor den großen Mysterien unseres menschlichen Daseins.

Und es bleibt nur die Stille, in der man seinen Hoffnungen Ausdruck geben mag mit Worten voller Trost und Kraft…

Ruhe in Frieden, von guten Mächten wunderbar geborgen, Dirk.