Jahre sind nur eine Zahl

Da steht er nun also vor ihr und sie spürt, wie ein Lächeln unaufhaltsam in ihr aufsteigen will. Er ist es tatsächlich – unfassbar! Nach fast einem Leben, das vergangen ist seit damals.

Sechszehn war sie und – um mit den Worten ihrer Mutti zu sprechen – ein hypnotisiertes Kaninchen.

„Theo; wir fahr´n nach Lodz“ schmetterte Vicky aus den Musikboxen und sie fand ihn umwerfend, wie er da so lässig mit der Zigarette in der linken Hand an den Wagen gelehnt stand und sie anschaute. Gute Augen hatte er, das hatte sie nie vergessen. Die warm blickenden Augen eines ein paar Jahre älteren Mannes. Er war im Alter ihrer Brüder und es gab für sie daher keine Probleme, mit ihm umzugehen. Kumpelhaft war sie wohl – burschikos, wie sie auch mit ihren Brüdern redete und lachte. War es das, was ihn  damals an ihr faszinierte?

´Er jedenfalls war eine Offenbarung für mich!´  – und ihre Augen lachen, während sie diesen Satz denkt.

Eine Engelsgeduld hat er mit ihr gehabt. Er hat sie nie bedrängt, sich immer anständig verhalten. Sie wusste zwar, was ein Mann mit einer Frau so machen möchte, aber er mit ihr? Das kam ihr nie in den Sinn. Sie war zu sehr in der Rolle der kleinen Schwester verhaftet, als dass es auch nur ansatzweise in ihren Vorstellungen möglich gewesen wäre, dass sie* mit…ihm*? Niemals!

Er war einfach ihre erste Liebe. So ganz aus dem Herzen heraus. Mit diesem Gedankenkreisen um ihn, mit diesem völlig zeitlosen Glücksgefühl, wenn er in ihrer Nähe war.

Ihr Lied war damals „Wir zwei fahren irgendwo hin“ und die Melodie erklingt in ihr, während sie an den Herzschmerz denkt, wenn er nicht kam, wenn er nicht anrief. Fast ein Jahr hat das damals gedauert und als er ging, da tat es weh, unendlich sogar.

Und nun steht er vor ihr, nur wenige Meter von ihr entfernt und sie sieht ihm an, dass auch bei ihm alles wieder da ist.

Die Wärme seiner Augen ist noch intensiver als vor 40 Jahren, denkt sie verblüfft.

Und in der nächsten Sekunde steht vor ihrem inneren Auge diese brutale Vierzig. Zwei gelebte Leben liegen zwischen und hinter ihnen beiden. Was mache ich hier, fragt sie sich.

Er kommt auf sie zu und bleibt vor ihr stehen. Sie lächeln beide, schauen und schauen, bis er ihre Hand nimmt, sich leicht zum Gehen wendet und sie sanft mit sich zieht.

„Komm, Kleine – wir zwei fahren irgendwo hin“.

 

Alles schwingt, vergesst das nie!

Petra

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