Vom ersten Eindruck und möglichen Überraschungen

Sie war nach Berlin gefahren, um ihre Freundin zu besuchen und bei der einige andere herzensnahe Mädels zu treffen. Und sie hatte ihren Koffer vollgepackt mit Büchern! Ihren eigenen Büchern!

Der bis dato zurückgelegte Lebensweg war alles andere als einfach, fröhlich, problemlos oder voller Gesundheit gewesen. Und nachdem sie die Fünfzig – eine Fünf mit ´ner Null,  unglaublich! – hinter sich gelassen hatte, begann sie zu schreiben. Doch diese Tatsache soll hier nicht das Thema sein.

Eines Abends im Garten des Hauses, wo sie zu Besuch war, wurde eine Lesung organisiert. Ihre Freundin hatte eingeladen zur Gartenparty plus Lyrik und es kamen ca. 20 Menschen. Gartenbänke und –tische standen arrangiert auf dem Rasen und in einer kleineren „Strandecke“ mit feinem Sand und einem Strandkorb versehen, stand sie mit ihren Büchern in der Hand. Sie las, sie erzählte dazwischen und sie war ganz bei sich. Voller Freude, dort im Sonnenschein zu stehen und ihre eigenen Gedichte vortragen zu können.

Einer der Gäste hatte sie, bevor die Lesung begann, gefragt, ob er filmen dürfe. Ok, wenn es denn privat bleiben würde, ja.

So weit, so gut.

Er filmte fleißig und er sah sie an, wie sie da im Sand stand und von Gefühlen las, als ob er gänzlich fokussiert auf sie sei. Ihre Freundinnen nahmen sie in der Pause beiseite und flüsterten etwas von „wie hypnotisiert“ schaue er und ähnliches und sie lachte, winkte ab und hatte es sofort wieder vergessen.

Doch dann, die Lesung war vorbei und sie saß zufällig neben dem Hobbyfilmer, kam es zu der absoluten Verblüffung dieses herrlichen Abends.

Er saß neben ihr, schaute immer noch wie fasziniert und sagte folgendes zu ihr:

Also, als ich dich bei der Ankunft hier im Garten das erste Mal sah, dachte ich „nun ja, eine leicht ältliche Frau, Durchschnitt, keines weiteren Blickes wert“

Doch als du da gestanden hast, barfuß im Sand, und begonnen hast zu lesen, zu erzählen, jeden dabei anzuschauen, Reaktionen aufzufangen und auf sie einzugehen, da dachte ich nur:

„Wow! Was ist das?! Was für eine großartige Frau! An dir im Alltag vorbei zu gehen, kann nur heißen, einen erstaunlichen Menschen übersehen zu haben.“

Er schaute immer noch recht ungläubig, bis sich die Runde langsam spät nachts auflöste und beim Abschied sagte sie zu ihm:

„Der erste Eindruck kann oft falsch sein, denn wir legen vorschnell unsere eigenen, vorgefertigten Maßstäbe an Menschen an, ohne ihnen eine Chance zu geben“.

 

Danach saß sie mit ihren Freundinnen beisammen, plauderte, alberte – und war im Innersten doch mehr berührt von dieser Äußerung, als sie zugeben mochte.

Als Ruhe eingekehrt war und sie allein war mit dem Sternenhimmel, dachte sie lächelnd nur eines:

„Wow! Ich bin mehr, als ich selber von mir wusste…“

 

Und seitdem weiß sie: ALLES SCHWINGT!

© Petra, 26.04.2016