Archiv für den Monat Januar 2016

Im Grunde weißt du nichts von mir

Im Grunde weißt du nichts von mir.

Du meinst, mich zu kennen, doch es sind nur viele kleine Mosaiksteinchen meines großen Ganzen, die du erleben konntest bisher. Sie ergeben kein in sich stimmiges Bildnis von mir, wie sollten sie auch!

Du kennst nicht meine kleinen, tanzenden Seelenfunken, die sich erheben, wenn ein Lied erklingt, das Lächeln-verursachende Bilder aus meinem Inneren aufsteigen lässt.

Bilder, die verbunden sind mit Düften nach Sonnenstrahlenbrechern, nach unbeschreiblich intensiv empfundener Freiheit des Augenblicks, nach völlig sich selbst genügender Liebesfähigkeit.

Du ahnst nichts von meinen tropfsteinhöhlengleichen Weltuntergangssekunden, die sich aneinander ketteten wie ein aus Stahl geschmiedeter Fußknebel.

Kennst nicht meine Mosaiksteinchen aus zerbrechlichstem, fein mundgeblasenem Glas, die zu berühren und bewegen ihr Ende bedeuten würde.

Du spürtest nie, was ich empfand, als Teile meines Selbst sich auflösend empor tragen ließen in die Unendlichkeit, um mich zurück zu lassen als lückenhaftes Abbild einstiger Vollkommenheit.

Doch ebenso wenig werden meine Glücksmomente je zu deinen werden können. Du musst sie dir selber erschaffen, um eines Tages sagen zu können:

Im Grunde weißt du nichts von mir.

 

©Petra Jähnke, 1/2016