Die Schwelle in der Zeit

Silvesternacht – inmitten vieler anderer, jüngeren-ganz jungen-gleichaltrigen-älteren, ein paar Minuten vor Zwölf. Ein klarer Sternenhimmel, eiskalte Luft, Stimmengewirr, Lachen, umschwirrt von Trinksprüchen und Musikfetzen steht sie abseits, nur ein paar Schritte, eigentlich noch ein Teil dieser ausgelassenen Gesellschaft und doch wie unter einem Schutzschild nur mit sich allein.

Ein kleines Lächeln umspielt ihre Züge, denn sie ist in Gedanken Jahrzehnte rückwärtsgegangen, sieht sie vor sich, ihre Familie – Eltern, Brüder, Tanten – alle auf Sesseln oder der Couch stehend, durch das Händehalten verbunden miteinander zu einem großen Kreis. Sie warten darauf, in das neue Jahr springen zu können, zählen den Countdown herunter, 3 – 2 – 1 – Prosit Neujahr!

Mit diesem Ruf springen sie alle hinein in die Zeit, die vor ihnen liegt! Man umarmt sich, wünscht sich Gesundheit, Glück, man stößt an miteinander, isst einen Happen („damit du immer genug zu essen und zu trinken hast in neuen Jahr!“). Erst dann geht es lachend und fröhlich hinaus, um mit Raketen die bösen Geister auszutreiben und das NEUE willkommen zu heißen.

Eine Tradition, die ihr viel bedeutete, die sie liebte. Irgendwann verloren gegangen im Laufe der Jahre. Menschen, die Lücken hinterließen, waren nicht mehr. Die anderen verstreut, jeder damit beschäftigt, sein Leben zu leben.

Viele Jahreswechsel folgten ohne diesen Sprung hinein in eine vielversprechende, rätselhaft bleibende Zukunft. Vieles geschah, das sie nie für möglich gehalten hatte. Fast unmerklich ging sie sich verloren in diesen Jahren. Nichts fühlte sich mehr an wie früher, als stünde die Zeit oder – noch schlimmer – als zerrann sie nicht registriert zwischen den Händen.

Die Uhr tickte, um sie herum begannen alle, die Sekunden zu zählen. 10 – 9 – 8 – sie hielt ihr Sektglas in der Hand und schaute zum Himmel hinauf – 7 – 6 – 5 – sie schloss ihre Augen und stand sehr gerade – 4 – 3 – 2 – 1 – sie setzte einen Fuß ganz entschieden und symbolisch voran, trat über eine imaginäre Schwelle hinein in diesen Zeitenwechsel – Prosit Neujahr-Rufe, Raketen gingen in die Höhe, ein paar Sekunden noch nur ganz bei sich, sich selbst zuprostend: „Willkommen, neues Jahr, ich bin zu dir gekommen, über die Schwelle hinweg. Ich stehe mitten in dir. Lass uns schauen, was sein wird – ich bin dabei.“

Umarmungen, Küsse auf die Wangen, lachen, wiegen, schaukeln, Rücken streicheln…

Und im Inneren die zufriedene Gewissheit, irgendwie, so ganz für sich allein, die gute Tradition wieder lebendig gemacht zu haben – für sich selbst, als spürbare Neuerung des Lebens, mit diesem Schritt über die Schwelle – mitten hinein.

© Petra Jähnke

Alles schwingt! Ein gesundes, glückliches Neues Jahr Euch allen!