Kaminstunde

Komm, abgespannt siehst du aus, müde vom Tag, müde vom Leben.

Der Kamin ist an, lass uns davor sitzen und dem Knistern lauschen, ja?

Ich möchte mit dir ein wenig erzählen von Türen, die sich schließen und von anderen, die sich öffnen.

Von der Berg- und Talbahn des Seins und der Ruhe in der eigenen Mitte.

Wenn man jung ist, erscheint alles weit fort …die Pflichten, die Tretmühle, Krankheiten.

Je älter man wird, umso mehr drängen diese Dinge in den Vordergrund, bestimmen irgendwann den Tag, besetzen das Denken und blockieren das Fühlen.

Man funktioniert und regelt alles, was  zu regeln ansteht:  

Früh hoch, Frühstück bereiten, zur Arbeit, Arzttermine, Hiobsbotschaften, Geldmangel, Stress mit dem Partner, den Haushalt, todmüde umfallen und nach zu kurzer Nacht dasselbe Spiel von vorn.

Soll das Leben sein? Eine berechtigte Frage stellst du da…

Die Antwort kann nur sein: ja, wenn du es zulässt, dann ja!

Etwas Positives hat das Älter-werden, es ist die Gewissheit, dass alles, was geschieht auch ohne uns geschehen würde.

Wären wir nicht da, wir würden nicht erheblich fehlen!

Andere wären da, die reagieren müssten.

Die nur jetzt zu oft abtauchen, weil wir nun mal DA sind.

Weil wir, du und ich, zu oft springen…

was, es geht dir schlecht? Keine Sorge, ich helfe, ich fange auf, ich gleiche aus…

Das wäre schon einmal die erste Tür, die wir zumindest anlehnen dürfen und mit Nachdruck darum bitten können, dass erst angeklopft werden sollte, bevor man uns einfach überfällt.

Warum sind wir eigentlich immer verfügbar?

Haben wir keine eigenen Bedürfnisse?

Ach schau an, wir haben?

Ich muss auch lachen, du!

Du hast auch sicher diese speziellen Freunde, die dich nur kennen, wenn sie in Not sind, nicht wahr? Die dich aber kaltschnäuzig ausboten, wenn deren Hilfe mal gebraucht wird. Mit Worten wie: ach das geht nicht, ich habe Termine.

Mein nächster Termin wird sein, mich selber zu treffen!

Ich hab viel zu lange das Jasagen praktiziert.

Wie spricht es sich denn so, dieses Nein, fragst du?

Wunderbar! Ganz ehrlich, es ist ein kraftvolles Wort und geht federleicht über die Lippen!

Ich trainiere es gerade, auszusprechen.

Bei manchem Nein schließen sich dann Türen, sie knallen regelrecht zu, sodass es im Gebälk erzittert. Wenn es denn sein muss, bitte.

Dafür öffnen sich als hochwertiger Ersatz Tore, die ich nie vorher wahrgenommen habe. Du auch nicht? Das wundert mich jetzt nicht wirklich, lass uns drauf anstoßen!

Also das größte Tor, das ich überraschend aufschwingen sah, war das Tor zu mir selbst. Es öffnete sich mit lautem Knarren, als ich mich fragte, wie ich mich fühle. Huch machte es in mir – fühlen? Gefühle?

Wo hab ich sie denn nur sorgsam verstaut?

Als ich allein da saß und in mir herum suchte, plumpste plötzlich durch einen kleinen Spalt dieses sich in Zeitlupe bewegenden Tores der Zorn heraus.

Zorn auf alle um mich herum und ganz besonders auf mich selbst!

Na aber hallo, wo kommst denn du her, fragte ich verblüfft.

Das Tor schwang weiter auf und gleich danach kam das Selbstmitleid. Das ist vielleicht eine Heulsuse, meine Güte! Und  Platz hat es eingenommen, du machst dir kein Bild!

Nur mit großer Anstrengung  schob sich durch die nun sperrangelweit aufstehende Riesenpforte eine ganze Mannschaft:

es waren der Mut, die Kraft, der Humor, auch die Selbstironie und um alle herum die Liebe.

 Die Liebe zu mir selbst!

Andere lieben? Kein Problem!

Mich lieben, mich mögen, mir Raum  geben?

Vergessen, nie praktiziert!

Nicke nicht so heftig, dir wird noch schwindelig!

Weißt du was? Seit ich dieses Tor geöffnet habe, gibt es mich wieder. Da staunst du, was? Ich bemerke mich selbst, eine tolle Erfahrung ist das!

Mir fällt auf, ob ich mich gut fühle mit dem, was ich tue und wenn nicht, kommt wieder diese geniale Sprachübung: N E I N.

Und die versammelte Gefühlsarmee in mir ist stark genug, dieses Nein sofort umzusetzen.

Psst! Hast du das auch gehört? Es knarrt hier ganz leise…. Lass mich lauschen….pssssssst.

Das kommt doch wohl nicht…..irre ich mich oder kommt das von…..dir?

Ja? Dann los! Zerre an dem Tor, mit aller Kraft!

Und stoß an mit mir:

auf dich und den Zugang zu deiner neu gefundenen Mitte!

© Petra Jähnke, 11/2011- veröffentlicht 2012 in „Jetzt erst recht – Gefühlsgeschichten“

 

 

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