Reflektionen

Er saß am Rande des Sees, das Gesicht der  Sonne zugewandt, die Augen geschlossen. Seine Hände hielten Papiere, in denen er gelesen hatte. Geschäftsunterlagen, aber auch Texte, die voller Poesie waren. Er war an einem Punkt seines Lebens angekommen, an dem es galt, neu zu ordnen –

Neue Ordnung in seinem Inneren, eigene Wünsche bedenken – wären sie es wert, endlich ausgelebt zu werden?

Vergangenes zu reflektieren ist Schwerstarbeit, so erkannte er mit Schrecken. Vieles richtig gemacht, vieles aus Zwängen geboren:

ich muss, ich kann nicht anders, man erwartet das von mir….                                

Menschen, die viele Jahre wie selbstverständlich und unveränderbar erscheinend neben ihm gelebt haben…..neben ihm, ja das war der springende Punkt!

Neben, nicht mit ihm! Nicht er mit ihnen!

Wie war sein bisheriges Leben gewesen? Geld verdienen, Zeit totschlagen mit diesem und jenem, Prestigedenken, in der Tretmühle des Alltags zerrieben, Pflichterfüllung, Schicksalsschläge ertragen, immer funktioniert, der perfekte Fassadenmaler!

 Ein kleiner Windstoß bewegte die Blätter in seiner Hand, er öffnete die Augen, schaute auf die Seiten, obenauf Texte, in denen es sich um Gefühle drehte-

Texte, die sein tief verborgenes Selbst angesprochen hatten.

Er hielt sie sorgsam, fast vorsichtig fest, ließ seine Augen über die vom Sonnenlicht funkelnden sanften Wellen gleiten, sein Daumen streichelte unbewusst über die Blattoberseite, schon zärtlich fast.

Erneut schloss er die Augen, lauschte auf den sanften Wind, genoss den Duft nach Sonne und frisch gemähtem Gras um sich herum….

Bilder entstanden in seinem Kopf, Vergangenes zog vorüber, Schwarz-Weiß-Momentaufnahmen, nur von ganz wenigen farbigen unterbrochen. Wehmut kroch aus seinen Poren, verpasste Gelegenheiten, enttäuschte Blicke, Abschiede, Kinderlachen…

Und er spürte ganz deutlich diese Sehnsucht nach etwas Undefinierbarem in sich, nach etwas mächtigem, nie erfahrenem. Dieses Gefühl war neu, ganz unbekannt, aber nicht minder vertraut.

Es zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht, seine Züge wurden weich und entspannt.

Als er seine Augen endlich wieder öffnete, war sein Blick anders –  er glänzte, ein lang entbehrtes Funkeln lag in ihm.

Er schaute auf die Uhr, die Sonne versank allmählich, es wurde frisch. Er ordnete seine Unterlagen kurz, legte diese ihm so wichtigen Emotionen in Worten obenauf und erhob sich.

Ein letztes Rundum-schauen, wie um ihn festzuhalten, diesen Nachmittag,  einprägen von allem:

Duft in der Luft, Sonne auf der Haut und ganz speziell diese Ahnung in sich von Zukunft, von Lebensenergie, von Sucht nach sich sehnen….

Er hatte sich entschieden:

er würde dafür sorgen, dass später einmal, in ebensolchen Augenblicken, die vor seinem geistigen Auge vorüberziehenden Bilder voller Farbenpracht und Farbgewalt sein würden!

 

© Petra Jähnke, erschienen in „Jetzt erst recht – Gefühlsgeschichten“, Lyrika Verlag 2012

 

Alles schwingt!

Petra

 

Wenn du mich in meiner Gedankenwelt besuchen kommst und dir etwas durch den Kopf geht, was du ergänzen, anzweifeln oder weitergedacht haben möchtest, kommentiere bitte!
Ich werde antworten!