Wind im Haar

Einer dieser ersten Sonntage eines Monats, es ist Fischmarkt am Hafen.

Menschenmengen schieben sich durch die bunten Gassen, gebildet aus allerlei Buden mit viel Unnötigem, manch Schönem, diversen Leckereien und den am Kai fest getäuten Kuttern, die frischen Fisch direkt von Deck verkaufen und dem Ganzen den Namen gegeben haben.

Die Sonne strahlt nach einigen Unwettertagen wieder vom Himmel, als hätte sie es schon immer getan. Wolkenberge ziehen schnell über das Blau, getrieben von einer steifen Brise, die selbst in den Budengassen Mützen anhebt und luftige Kleider flattern lässt.

Düfte lösen einander ab, eben noch roch es nach gebratenem Fisch, nun schon nach Grillwürsten und Bierschwaden.  Laut und alles übertönend preist Bananen-Joe seine prall gefüllten Korbtaschen voller Obst an: „Alles für 10€, Leute! Mir geht´s um eure Gesundheit, Vitamine-Vitamine!!!“.

Ein Stück weiter steht sein Konkurrent und stopft allerlei Markensüßigkeiten in durchsichtige Plastiktüten. Da es ihm nicht um die Gesundheit der Vorüberschlendernden gehen kann, ruft er nur monoton: „Alles für 10 – alles für 10!“

Honig in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen steht neben Blumen aus Holland, Billigware aus Fernost wird vom Wind fast von den Bügeln geweht. Fahnen, Socken, Parfum, dann wieder ein Stand mit Käse, gleich daneben Waffeln und Ledergürtel.

Die angrenzenden Lokale haben ihre Tische im Freien voll besetzt, kleine Restaurantschiffe locken mit Fisch in allen Variationen.

Kaum zwei Schritte möglich in gleicher Länge oder gleichem Tempo, Stimmengewirr, Lachen, Rufe.

 Dann ist sie erreicht, die Hafenspitze, ein paar Meter nur und die Geräuschkulisse hinter dir versinkt im stark auflandigen Wind, der dir um die Ohren bläst.

Nur noch Weite in einem mittleren weichen Blau, in der Ferne getupft von dem leuchtenden Weiß vieler Segelboote. Dieser typische Geruch nach Meer, die fliegenden Haare, die Sonne auf der Haut… Da stehst du vor ihm, diesem endlosen Horizont – atmest ihn ein, lehnst dich ein wenig gegen den Wind, bist für kurze Zeit eins mit dir und der Welt.

Du drehst  dich um, siehst dieses bunte Geschiebe und gehst darauf zu, um wieder einzutauchen in eine begrenzte Welt aus Gerüchen, Geräuschen, unerwünschten Körperkontakten und hilflosem Fuß vor Fuß setzen.

Und wenn du sie erneut durchquert hast, stellst du fest, dass es reicht für dieses Jahr.

Denn die Weite, den Horizont, die Sonne und den Wind hast du täglich ohne dieses Beiwerk.

Und eigentlich brauchst du nur dies, denn es ist deine Heimat.

© Petra Jähnke 2012, veröffentlicht im kostenlosen E-Book „Emotionsmühle 2013“ im Lyrika Verlag

Wenn du mich in meiner Gedankenwelt besuchen kommst und dir etwas durch den Kopf geht, was du ergänzen, anzweifeln oder weitergedacht haben möchtest, kommentiere bitte!

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