Begegnung im Vorübergehen

Vor kurzem traf ich sie. Ich kenne sie seit Jahren vom Sehen, wir haben die üblichen Floskeln gewechselt und über unsere Hunde geredet, mit denen wir Gassi gingen. Als diese in den ewigen Jagdgründen waren, haben wir uns beim Einkaufen getroffen, uns zugewinkt und in letzter Zeit fiel mir auf, dass sie immer stiller wurde, ein wenig fahrig wirkte und ihre Augen verrieten, wie unglücklich sie ist.

Letzte Woche stand sie vor mir an der Kasse, eine Kundin war zwischen uns. Sie sah mich und ein freudiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie weiter ihren Einkauf einpackte. Sie ließ sich Zeit, das fiel mir auf. Und sie schaute immer wieder zu mir mit diesen sprechenden Augen, die diesmal sagten: Sprich mich an, bitte…

ich zahlte und ging den einen kleinen Schritt auf sie zu mit der Frage: „Wie geht es Ihnen, Sie sehen erschöpft aus…“

Und sie erzählte mir, wie es ihr ging. Ihr Mann sei sterbenskrank, er säße nur noch im Sessel und er würde von Tag zu Tag immer bösartiger werden. Da sei doch auch noch ihre schwerbehinderte Tochter und sie wisse nicht mehr, wie sie all dem gerecht werden könne, während sie aufs Übelste beschimpft würde. Sie habe schon versucht, dem ein Ende zu bereiten, aber ´ich habe doch nur die schwachen Tabletten im Haus, mir war nur fürchterlich übel, es sollte nicht sein´. Ihre Hände zitterten unübersehbar und Tränen traten in ihre Augen. Sie redete schnell, wie um möglichst alles zu berichten, denn ich könnte ja jederzeit gehen wollen…

Ich habe nicht viel dazu gesagt, außer dass ich verstehe, in welcher Situation sie ist. Meine Hand hielt ihre, die sich am Griff des Einkaufswagens festhielt, als sei der ihr einziger Halt. Ich hörte zu und ich hatte Zeit – obwohl eigentlich noch dieses und jenes zu tun war. Aber das alles war nicht wichtig.

Sie und ich, wir bildeten einen kleinen, unangreifbaren Schutzraum abseits des Alltagsgeschehens. Zwei Menschen, die gerade das wichtigste eines Lebens miteinander teilten.

Wir verabschiedeten uns erst, als wir draußen vor unseren Autos standen. Sie bedankte sich immer wieder, lächelte zutiefst erschöpft, so dass ich sie in den Arm nahm und kurze Zeit hielt. Dann stiegen wir ein und fuhren zurück, jede in ihre Welt, in ihren Kosmos, der uns Schicksal und Heim zugleich ist. Diese Begegnung wirkte noch lange nach in mir.

Keinem steht auf die Stirn geschrieben, welche Höhen oder Tiefen er schon überwunden hat und welche er genau jetzt, in diesem Moment, durchlebt. Du gehst durch die Straßen, die Läden, die Parks und du weißt nur eines mit Sicherheit: jeder um dich herum trägt sein ganz persönliches Schicksal mit sich herum, das ihn zu dem gemacht hat, der er ist.

Alles schwingt!

Petra

 

Urteile nie

Du wirst sie nie kennen, die Tiefen meiner Seele-
und selbst wenn ich dir von ihnen erzähle,
wirst du nur erahnen, was mich so bewegt-
wirst Schemen nur sehen von dem, was mich quält—
Du meinst, du kannst dir ein Urteil erlauben?
Ich lasse dich nur allzu gern in dem Glauben!
Zu mühsam erscheint´s mir, dir nahe zu bringen,
welch Teufel und Engel in mir mit sich ringen!
Du wirst nie die wirkliche Tiefe versteh´n-
dazu müsstest du in meinen Schuhen geh´n.

© Petra Jähnke 2011, veröffentlicht in „Der Koi (an) der Kü(s)ste“ 2012 erschienen im Lyrika Verlag

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